Redebeiträge Demo gegen die Räumung

Hier dokumentieren wir die Redebeiträge der Demo vom 15.11.2014. Der erste wurde Kapauenstraße/Lange Straße gehalten. Der zweite direkt vor der Brinke bei der Abschlusskundgebung.

Wir stehen jetzt hier am ehemaligen subkulturellen Bermuda Dreieck aus klex, Pariser und AJZ.
Alles drei sind bzw. waren Häuser, die in den 90ern erst als selbstverwaltete Jugendzentren erkämpft werden mussten.
Kurz nach der Wende war sowas noch gut möglich, die Polizei und Verwaltung hatten sich noch nicht so schnell umgestellt und waren in vielen Punkten überfordert mit den neuen Gesetzen und der Gesamtsituation. Die Zeit direkt nach der Wende wurde von vielen im Nachhinein als kurze anarchische Periode beschrieben, in der viel möglich war. So schafften es die Jugendlichen damals nicht nur Häuser hier, am Karl_Marx Platz, in der Pfarrer Wachsmann Straße und weitere zu besetzen, sondern auch eine Duldung bzw. Legalisierung für diese zu erwirken.
Während die Häuser Pariser und Klex der Stadt gehören und so ganz gut Druck für ihren Erhalt erzeugt werden konnte, war das AJZ am Karl-Marx-Platz in Privathand. Jahrelang waren die Eigentumsverhältnisse ungeklärt, im Jahr 2000 meldete sich dann aber doch der Alteigentümer und ließ das AJZ räumen. Die Böden und Decken wurden komplett zerstört um eine Widerbesetzung zu verhindern. 10 Jahre verfiel das Haus ungenutzt und wurde vor einigen Jahren schlussendlich abgerissen. Heute sieht man dort immer noch eine Brachfläche.

Ein Beispiel, dass die Sinnlosigkeit eines solchen Eigentumsdenkens wunderbar deutlich macht. Nur um ein abstraktes Recht durchzusetzen, wird die Staatsgewalt bemüht und die Nutzerinnen des Hauses auf die Straße gesetzt und kriminalisiert.
Eigentum als Prinzip, dass diese kapitalistische Gesellschaft sichert steht über allem.
Die Vehemenz, mit der die Bullerei auf so etwas wie Besetzungen reagiert und deutschlandweit versucht diese schnellstmöglich, meist innerhalb eines Tages zu räumen, zeigt aber auch wie sehr solche kleinen Aktionen an ihren Grundfesten rütteln. Besetzungen können mehr sein als das Erbetteln von Zwischennutzungen. Sie führen vielen Menschen den Widerspruch zwischen Nutzen und Besitzen deutlich vor Augen. Sie sind ein Ansatzpunkt für Leute doch mal ein paar grundsätzlichere Fragen zu stellen und Systemkritik zu üben.

Gleichzeitig sind Besetzungen ein Akt der Selbstermächtigung und der praktischen Selbsthilfe – in vielen europäischen Städten werden mittlerweile von und mit Flüchtlingen oder mittellosen Familien Häuser besetzt. Im französichen Calais beispielsweise sind mehrere tausende Flüchtlinge auf der Straße, die über LKWs versuchen auf die Fähren über den Ärmelkanal nach England zu kommen. Um überhaupt etwas zum schlafen zu haben und sich vor Naziangriffen zu schützen haben sie zusammen mit UnterstützerInnen zahlreiche Häuser und eine alte Metallfabrik besetzt.
Auch in Deutschland haben selbstorganisierte Flüchtlingsgruppen die Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin seit zwei Jahren besetzt. Letzte Woche wollten SPD und Grüne sie räumen lassen, gaben aber gnädigerweiser noch Aufschub. In einer Großstadt wie Berlin zeigt sich die Zuspitzung solcher sozialer Gegensätze immer besonders krass. So zum Beispiel auch wenn Mieter_innen aufgrund ihrer schlechten ökonomischen Situation und der voranschreitenden Gentrifizierung ihre Miete nicht mehr zahlen können und zwangsgeräumt werden. Die erflogreiche Organisierung und, dass es in Berlin und woanders mehrfach geschafft wurde Zwangsräumungen zu verhindern, ist sehr zu begrüßen.

Nun ist Greifswald nicht Berlin und im Allgemeinen kommt ja in Vorpommern alles 5 Jahre später an.
Konflikte die woanders offensichtlich sind, lassen sich hier meist nur am Rande oder an Einzelbeispielen bemerken. Offen sichtbar ist in Greifswald die Durchsanierung der Innenstadt. Der Erhalt alter historischer stadtbildprägender Häuser ist zunächst zu begrüßen, schließlich hat Greifswald in den 80ern und frühen 90ern schon genügend Abrisse für Plattenbauten verkraften müssen. Leider hat die Sanierung aber auch ihre negative Kehrseite wenn Leute wegen der steigenden Miete aus ihren Häusern geschmissen werden und in kulturell weniger belebte Viertel umziehen müssen. In der Fleischervorstadt gibt es mindestens zwei Beispiele in denen Mieter_innen versucht haben dem vorzubeugen, indem sie ihre Häuser selbst kaufen. In beiden Fällen unterlagen sie gegenüber einem höchstbietenden externen Investor. Die WVG welche diese Häuser teilweise verwaltet leistete dabei durch Fehlinformationen an die Mieter_innen ihren Anteil.

Die profitorientierte Geschäftspolitik dieser kommunalen Wohnungsgesellschaft WVG kriegen die Mieter_innen fast jedes Jahr mit Mieterhöhungen zu spüren. Und das, obwohl die WVG Rekordumsätze verzeichnet. Vor einigen Jahren versuchte die Stadtpolitik das kommunale Unternehmen zu privatisieren – eine Volksabstimmung und die Zahlungsunfähigkeit des Käufers verhinderten dies. Nun soll der entgangene Umsatz wohl anders generiert werden.

Die neoliberale Poitik zeigt sich auch an weiteren Kürzungen im Sozialbereich, so zum Beispiel bei Kindergärten und Jugendzentren. Womit wir dann auch wieder beim Klex wären…
Letztes Jahr Dezember wollte die Stadt die Ausgaben für Miete und Stellen der Angestellten beim Stadtjugendring wegstreichen. Wäre ihnen dies gelungen, hätten sie das gut gelegene Grundstück sicher lukrativ an einen Investor verkaufen können, der dort Eigentumswohnungen baut. Mit Gesprächen, Protesten usw. konnte dies noch abgewendet werden.
Dem klex wurden 40.000 Euro jährlich zum Weiterbetrieb zu gestanden. Gleichzeitig wurde das Budget des Stadtmarketingvereins auf 120.000€ gehoben.
Mit der Sanierung des Westends wird es in den nächsten Jahren nicht leichter fürs Klex werden. Nicht das ein subkultureller Schandfleck das Shopping und Café Erlebnis zahlungskräftiger Touristen vermiest.

Das ebenfalls in den 90ern besetzte Jugendhaus Pariser hat zwar an politischem Profil über die Jahre eingebüßt, ist aber dennoch von einer ähnlichen Entwicklung betroffen. Erst wurde die Förderung für ihre Arbeit immer weiter herunter gekürzt, jetzt setzt die Stadt den Pari-Leuten die Pistole auf die Brust und sagt: „Kauf oder raus“. Wenn sie das Haus nicht in den nächsten Monaten kaufen, soll es ausgeschrieben werden.

Studentische Initiativen wie GriStuf, Rosa WG, Studententheater haben seit jahren das selbe Problem. Sie bekommen von der Uni runtergerockte Räume, die sie sich herrichten um dann – nach 1,2 Jahren wieder rausgeschmissen zu werden.

Die Straze Leute (Stralsunder Straße 10) haben es in einem 10 Jahre dauernden Kampf geschafft ihr Haus durch Kauf zu bekommen. Ihr Beispiel zeigt, dass Eigeninitiative, Durchhaltevermögen und eine gute Vernetzung in der Stadt sich lohnen.

Ohne Interventionen dieser Art würde Greifswald heute sehr viel anders aussehen.

Die Brinkstraße 16/17 reiht sich ein in diese Aufzählung. Auch hier haben Leute versucht in Eigeninitiative einen Freiraum zu schaffen. Die Brinke ist nicht nur ein Bioladen, sie ist ein Treffpunkt für das Viertel geworden, ein Stadtteiltreff, eine Initiative für solidarische Landwirtschaft und andere Initiativen haben dort Platz. Durch die Besetzung wurde Wohnraum auf selbstbestimmte Art und Weise einfach geschaffen. Wird die Brinke WG geräumt, sitzen auch einige Wohnungslose im Winter auf der Straße.
Im Kampf um die Brinke geht es nicht nur ums Retten eines alten Hauses, sondern er ist auch ein Aufbegehren gegen eine profitorientierte Stadtpolitik und gegen eine unmenschliche Eigentumslogik.
Klar soll durch die Besetzung der Abriss verhindert werden. Aber selbst wenn das nicht klappt hat das Ganze schon jetzt viel mehr gebracht. Der erste Schritt zu einer stadtpolitischen Vernetzung ist gemacht. Wir lassen uns nicht länger vereinzeln und rausschmeißen!
Die ganze Auseinandersetzung zeigt den Leuten, dass Raumaneignung möglich ist und ermutigt zum Widerstand.

Lasst uns zusammenhalten!
Gegen eine profitorientierte Stadtpolitik!
Kultur für alle! Wohnen für alle!
BRINKE BLEIBT!

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Ihr Tollen – bis hierher habt ihr sie begleitet- durch Kälte und Zwiespalt … getragen von Idealismus, Lebendikeit und Solidarität!
Hier ist sie – unsere BRINKE16/17 – da steht sie und wird es auch bleiben! Bescheiden und ungenormt mit einer unglaublichen Herzlichkeit und Unkompliziertheit.

Seit Schmidt Eigentuemer ist, gab es die ersten Abrissankündigungen… doch sie hält sich tapfer – mit ihr die Initiative und alle Unterstützer*innen. Seit dem 29.September ist sie nun besetzt, um den Abriss für Eigentumswohnungen auf etwas deutlichere Art zu verhindern und für eine soziale Wohnungspolitik zu demonstrieren. Das spulen wir wie eine Endloschleife immer und immer wieder ab und doch scheint es vielfach abzuprallen.
Das ständige Hoch und Tief von Ereignissen und Emotionen, die sich bei vielen Projekten über Jahre ziehen, erleben wir hier geballt in wenigen Wochen – das zehrt und nährt gleichermaßen. Und ohne uns wären wir nicht so weit gekommen. Damit ist ganz zentral die zähe Bemühung gemeint, um die Hoffnung überhaupt ansatzweise einen Dialog zu erwirken, hauptsächlich mit dem Eigentümer, aber auch mit Stadt und Politik – wir sind enttäuscht, gefrustet und genervt von der zähen, unmotivierten und ignoranten Art und Weise, die uns entgegen kommt.
Unsere Idee der Kommunikation beruht auf Teilhabe, Offenheit und Respekt und wie so oft betont: Gemeinsamkeit. Wir lassen uns nicht unterdruecken.

Wir wollen:
Eine Stadt, die wir selbst sind. Alle zusammen, in unserer Verschiedenheit.
Wir fragen: Wie soll diese andere, bessere Stadt aussehen?
Wie wollen wir miteinander leben? Recht auf Stadt für alle – aber wie?
Und wie war das noch: zu warten wäre Wahnsinn?
Wir fragen im Laufen…

Alles Neue braucht Mut!
Wir fordern mehr davon von der Stadt Greifswald, um wirklich für die Interessen ihrer Bürger*innen einzustehen!

Wir wissen, dass auch nicht viel mehr kommen wird. Deshalb m[ssen wir das ins unseren M;glichkeiten Noetige tun. Wir schieben unser Privatleben hinten an, schlagen uns die Naechte um die Ohren, ersetzen Freundschaftstreffen durch Plena, um dann auf ein @kriminellles Straftaetersein@ kriminalisiert zu werden. Das fuehlt sich ganz schoen scheisze an. Dies ist eine ziemlich emotionale Rede geworden ohne große Fakten und Daten, da diese nicht die Erinnerungen und Visionen prägen. Wir sind, was wir geworden sind und das ist ein großer-kleiner zusammengewürfelter Haufen an Menschen mit Gesichtern, die einen Ort wollen und zwar diesen – hier und für immer!!!

Die bittere und sich machtlos anfühlende Zukunft der Brinke 16/17 wollen wir nicht akzeptieren und stattdessen solange Demos organisieren, Feste feiern, Mampfen, diskutieren, singen, schreien, malen, viel, viel debattieren solange es eben dauert … und um zu zeigen, was verloren wäre und welche Möglichkeiten vertan wären: Räume zum Wohnen, zum Arbeiten, zum Treffen, zum Gestalten und vor allem ZUM AUSPROBIEREN! – Freiräume, die nicht dem Zwang unterliegen, rentabel sein zu müssen.

Alte Wände müssen in den Köpfen eingerissen werden – nicht in der Stadt!

Wir halten fest – wir halten aus – wir halten Stand.

Kommt alle vorbei und helft uns die Räumung zu verhindern! Das Ultimatum ist für den Dienstag frühfrühfrüh angesetzt.

„WENN MAN SICH ILLUSIONEN MACHT – DANN ABER RICHTIG.“